#2/19 Blickpunkt

Immer mehr Manager, Start-ups und Führungs­kräfte sprechen von ihrem Öko­system, in dem sie mit ihrem Unter­nehmen tätig sind. Dabei wurde der Begriff der Öko­systeme bis vor wenigen Jahren ausschließlich von Wissen­schaftlern, Biologen und Natur­schützern benutzt, um natürliche Lebens­räume wie Wälder, Korallen­riffe oder Streuobst­wiesen zu beschreiben. Warum aber findet sich ein Begriff aus der ökologischen Wissenschaft plötzlich im wirtschaftlichen Kontext wieder? Gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen aktuellem unter­nehmerischem Denken und natürlichen Öko­systemen? Zwischen digitalem Ökosystem, Firmen-Ökosystem, Start-up-Ökosystem oder IT-Ökosystem und der Natur?

Tatsächlich hat das eine unglaublich viel mit dem anderen zu tun. Sowohl in Evolution und Natur als auch in Wirtschaft und Gesellschaft geht es immer um das Zusammenleben und Interagieren verschiedener Lebewesen in und mit ihrer Umwelt. Jedes Ökosystem setzt sich aus unbelebten (abiotischen) und belebten (biotischen) Komponenten zusammen. Egal ob im Korallenriff oder im Silicon Valley. Ob Natur oder Mensch, es gelten dieselben ökosystemaren Prinzipien und Prozesse: Entstehen und Wachsen, Bewahren und Verändern, Entwickeln und Anpassen, Konkurrenz und Kooperation, Niedergang und Innovation. Und jede frei werdende oder neu entstehende ökologische Nische ist eine Chance für flexible Organismen, agile Organisationen oder Start-ups.

Jahrmillionen strategische Partnerschaften – vernetztes Denken von der Natur lernen

Es sind die großen Entwicklungssprünge der Globalisierung und der Digitalisierung, die weltweit zu einer bislang ungekannten Intensität an Vernetzung, Komplexität und Prozessbeschleunigung geführt haben. Die daraus entstehende zunehmende Umfelddynamik erfordert eine erhöhte Flexibilität, Kooperationsbereitschaft und Agilität der Unternehmen. Und markiert einen Trend weg von linearem hin zu vernetztem Denken sowie zu branchenübergreifenden und interdisziplinären Kooperationen. Durchaus vergleichbar dem engmaschigen Wirknetz natürlicher Ökosysteme.


Im Reallabor der Natur sind Netzwerke und strategische Partnerschaften nach knapp vier Milliarden Jahren Evolution Standard. In der Bionik machen wir uns die erfolgreichsten Naturpatente bereits zunutze. Beim Transfer von kooperativen oder prozessualen Erfolgsrezepten natürlicher Ökosysteme in die nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft dagegen stehen wir noch ganz am Anfang. Dabei liegt es auf der Hand, dass sich unsere Wirtschaftsweise künftig im Rahmen einer biologischen Transformation an ökosystemaren Grundprinzipien orientieren muss, wollen wir unsere eigenen Lebensgrundlagen nicht zerstören.

Best-Practice-Beispiele aus der Natur unterstreichen das Transferpotenzial zwischen den Ökosystemen in Natur und Wirtschaft

• Die Symbiose zwischen Baum und Pilz steht für eine strategische Partnerschaft mit dem Ziel von Produktionsoptimierung und Energieeffizienz.


• Die Parallelität mit der interdisziplinären Arbeitsteilung zwischen Automobilproduzenten und Zulieferbetrieben ist evident.


• Die Schwarmintelligenz von Ameisen basiert auf einer klaren Rollenteilung und einer perfekten Kommunikation.


Auch für das erfolgreiche Erschließen kollektiver Intelligenz im Unternehmen sind dies die Grundvoraussetzungen.

Vielfalt macht flexibel und profitabel

Dass Vielfalt Ökosysteme stabilisiert, zeigt sich besonders deutlich in der Klimatoleranz arten- und strukturreicher Wälder. Entsprechend trägt Diversity-Management in Teams und Unternehmen dazu bei, in dynamischem Umfeld schneller und flexibler agieren zu können. Nicht zuletzt ist bei Wolfsrudeln Mixed Leadership in Form von Alpha- und Beta-Rüden ein bewährtes Führungsmodell und steht für den Vorteil mehrköpfiger und arbeitsteiliger Führungsteams.


Wer nicht nur über sein Ökosystem redet, sondern sich selbst als Bestandteil eines größeren Ökosystems versteht und sich an den Erfolgsprinzipien natürlicher Ökosysteme orientiert, kann als Unternehmen direkt und indirekt profitieren. Eine systematische Analyse des eigenen Ökosystems und ein darauf aufbauendes ökosystemares Management unterstützen Unternehmen vor allem bei Veränderungsprozessen, beim Erschließen neuer Geschäftsfelder und bei der Entwicklung innovativer Strategien. Nicht zuletzt erhöht das frühzeitige Erkennen von Chancen und Risiken sowie das gezielte Eingehen strategischer Kooperationen die Wahrscheinlichkeit eines Wettbewerbsvorteils. Im Wald und in der Wirtschaft.

Dr. Stefan Rösler

Der Autor

Dr. Stefan Rösler ist Berater und Trainer für verschiedene Institutionen sowie Geschäftsführer der Flächenagentur Baden-Württemberg GmbH. Das Dienstleistungsangebot der Flächenagentur Baden-Württemberg GmbH umfasst auch Strategieberatung, Seminare, Vorträge und Wald-Transfer-Workshops zu den Themen „Ökosystemares Management“ sowie „Von der Natur lernen für Management, Strategie und Teamentwicklung“ (www.flaechenagentur-bw.de).

Weiterführende Literatur

S. Otto, S. Rösler & T. Teucher (2019): Denken und Handeln in Ökosystemen – ein strategischer Ansatz für Wirtschaft und Gesellschaft. In: M. Englert & A. Ternès (Hrsg.): Nachhaltiges Management, Springer Verlag, S. 183–209.