#1/20 im gespräch

Herr Dr. Walthes, aus aktuellem Anlass zu Beginn die Frage: Wie wirkt sich die Coronakrise auf unseren Konzern aus?

Frank Walthes: Ehrlicherweise – und hier spreche ich für das ganze Vorstandskollegium im Konzern – können wir das heute noch nicht wirklich voraussagen. Die Dynamik, mit der sich das Virus weltweit auf Wirtschaft und Gesellschaft auswirkt, ist enorm und noch nicht zu Ende.


Doch was ich sagen kann, ist, dass wir uns konzernweit konsequent mit den Entwicklungen und deren Folgen für unseren Konzern befassen und uns der Herausforderung gemeinsam stellen. Oberste Priorität hat die Gesundheit der Belegschaft und auch, den Geschäftsbetrieb für unsere Kunden und Vertriebspartner aufrechtzuerhalten. Wir wissen, dass die Situation unseren Mitarbeitenden viel abverlangt, und ich bin stolz darauf, wie wir in unserem Konzern in dieser ungewissen Bewährungszeit zusammenstehen und anpacken. Das und unsere wirklich ausgezeichnete Marktstellung geben mir die Zuversicht, dass wir als Konzern die Krise meistern und uns in dieser Ausnahmesituation bewähren werden.

Als Vorsitzender des Konzernvorstands verantworten Sie auch den Personalbereich. Wie nehmen Sie die Mitarbeitenden mit in die VUCA*-Welt, also in die Ungewissheit des Arbeitsalltags in der Transformation?

Walthes: In unserer auf Sicherheit ausgerichteten Branche ist der Umgang mit der Ungewissheit immer noch für viele fremd. Für uns alle, Mitarbeitende, Führungskräfte und Management, bedeutet dies vor allem ein neues Entscheidungsverhalten, mit dem mehr Verantwortung an die Mitarbeitenden übertragen wird. Dabei sind alle gefordert, noch aktiver mitzudenken und bereit zu sein, sich auf Veränderungen einzulassen.


Statt auf die große Lösung zu warten und über umfangreiche Konzepte zu debattieren, probieren wir immer stärker mit den Mitarbeitenden gemeinsam Dinge im Kleinen aus, um sie dann Schritt für Schritt weiterzuentwickeln, zum Beispiel mit agilen Methoden. Auf diesem Weg werden unsere Mitarbeitenden nicht nur mitgenommen, sondern gestalten die neuen Formen der Zusammenarbeit mit Begeisterung aktiv mit.


Mir ist bewusst, dass manche die Sorge um den Verlust des bisherigen vertrauten Aufgabenbereichs umtreibt oder die Angst, mit dem Neuen überfordert zu sein. Hier haben unsere Führungskräfte die zentrale Aufgabe, Ruhe und Sicherheit zu geben.

*) VUCA = Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität

Das heißt also, dass Führungskräfte die gleichen digitalen und methodischen Kompetenzen wie ihre Mitarbeitenden brauchen?

Walthes: Vor allem brauchen sie, und das gilt auch für uns im Management, die Fähigkeit loszulassen, ihren Teams zu vertrauen und – ganz wichtig – Motivation aus dem Ungelösten zu ziehen und es als Einladung zu verstehen, etwas auszuprobieren. Auch gilt es, vermeintliche Herrschaftsansprüche aufzugeben und Wissen zu teilen, deutlich stärker übergreifend zu denken sowie lösungsorientiert und situativ im Sinne des Unternehmens zu handeln. Das fällt uns im Management und auch den Führungskräften nicht immer leicht.


Doch hier haben wir alle eine Vorbildfunktion. Diese unterliegt lebenslangem arbeitsintegriertem Lernen, das wir mit den neuen Formen der Talent- und Management-Entwicklung fördern. Außerdem betrachte ich Diversity als ein wichtiges Management-Instrument: Je bewusster wir Teams mischen, zum Beispiel nach Alter, Geschlecht, Lebenslauf/Biografie, Erfahrungen und Temperament, umso mehr fördern wir Kreativität, Innovation und auch den Umgang mit Unsicherheiten.

Von uns als Versicherer wird erwartet, dass wir nachhaltig arbeiten. Das verlangen Kunden, Eigentümer und der Gesetzgeber. Inwieweit setzen wir das in Zeiten der Unsicherheit sinnvoll um?

Walthes: Wir betrachten Nachhaltigkeit in drei Dimensionen – die ökonomische, ökologische und die soziale Nachhaltigkeit. Auf der ökonomischen Seite bekennen wir uns zu den Prinzipien für verantwortungsvolles Investieren und sind Mitglied der Finanzinitiative PRI, mit der wir gemeinsam in Wind- und Solarparks investieren. Für die ökologische Nachhaltigkeit setzen wir auf chemiefreies und umweltfreundliches Gebäudemanagement und bieten Wohnraum für 500 000 Bienen in 22 Bienenstöcken, die uns zudem noch mit unserem eigenen Honig versorgen. Bei der sozialen Nachhaltigkeit sind wir ganz vorn dabei mit unseren Stiftungen und Sponsoringpartnern.


Doch vor allem auch unsere Transformation führt dazu, bei einer der nachhaltigsten Kenngrößen, der Kundenzufriedenheit, vorn dabei zu sein. Dazu tragen unsere Betriebs-, Schaden- und Leistungsbereiche ebenso bei wie etliche Initiativen, aus denen sich sehr gelungene Lösungen entwickelt haben.


Prominente Beispiele sind unsere KI StARS zum Prüfen von Krankenhausrechnungen, die aus unserem eigenen Team in Leistung Kranken entstanden sind, oder die Zusammenarbeit mit FairFleet bei der Schadenregulierung, die über den InsurTechHub zustande kam. Auch Ideen wie die Kombination von VKBrain mit Alexa oder die Kampagne zur Wiederanlage in Leben zeigen deutlich: Wenn wir den Kundenbedarf in den Mittelpunkt stellen und zugleich unser Unternehmensinteresse im Blick behalten, machen wir alles richtig.