#3/18 Blickpunkt

Hier ist Krise Alltag

Zu Besuch in der Integrierten Leitstelle München

Die Integrierte Leitstelle (ILS) in München

In München kommt es jeden Tag zu etwa 2 500 Krisen – so oft wird im Stadtgebiet die Notrufnummer gewählt. Die Integrierte Leitstelle (ILS) nimmt die Anrufe entgegen und kümmert sich um jedes Hilfeersuchen. Einen Brand löschen, verletzte und erkrankte Personen versorgen oder auch Tiere von Bäumen und aus Einkaufszentren retten: Für Münchens Einsatzzentrale für Feuerwehr und Rettungsdienst ist das Routine, für die Betroffenen der jeweilige Notfall eine echte Krise. In der Feuerwache 4 steht Krise also auf dem Tagesprogramm.

Die ILS München wurde 1997 gegründet und ist die größte Integrierte Leit­stelle in Bayern. Wer im Stadt­gebiet oder im Land­kreis München die 112 oder die Service­nummer 19222 wählt, landet hier. Das Groß­raum­büro ist luftig, weit­räumig und hoch­modern aus­gestattet. Die Mit­arbeiter sitzen vor bis zu sechs Bild­schirmen, sprechen mit Anrufern und koordinieren die Rettungs- und Feuer­wehr­einsätze. Sie alle sind aus­gebildete Feuerwehr­einsatz­kräfte und Rettungs­assistenten. Das andauernde Klingeln des Telefons und das Knacken der Funk­geräte gehören zum Alltag. Insgesamt wird an 20 Einsatz­leit­plätzen und 10 Ausnahme­abfrage­plätzen gearbeitet – jeden Tag, 24 Stunden.


Dabei haben die Mit­arbeiter mit aufgeregten Anrufern, Hektik und Zeit­druck zu tun. Trotzdem bleiben sie ruhig. Die Aufgaben sind klar verteilt, jeder weiß was zu tun ist. Der Telefonist nimmt alle Anrufe entgegen, die 112 hat dabei vor der Service­nummer Priorität. Er dokumentiert, um welchen Not­fall es sich handelt und leitet diesen an den Disponenten weiter. Der alarmiert die benötigten Einsatz­kräfte und gibt alle relevanten Informationen zum Not­fall weiter. Innerhalb weniger Minuten sind Feuer­wehr und Rettungs­dienst unterwegs. Sonder­aufgaben der Disponenten sind etwa die Koordination von Kranken­transporten oder die Einsätze von Intensiv­transport­hubschraubern und -wägen.

Wann ist eine Krise eine Krise?

Klassische Not­rufe kann die ILS also meist binnen kürzester Zeit abarbeiten. Doch wann wird ein Ereignis tat­sächlich als Krise empfunden? Brandrat Florian Hellmeier klärt auf: „Ein normaler Brand ist keine wirkliche Krise, da jeder Mit­arbeiter für diesen Routine­fall geschult ist. Anders sieht es hingegen bei unerwarteten oder unstruktu­rierten Groß­ereignissen aus: Amok­läufe, Terror­anschläge, Natur­katastrophen oder Groß­veranstaltungen können für uns zu einer großen Heraus­forderung werden.“ Der Amoklauf am Olympia-Einkaufs­zentrum von 2016, bei dem ein 18-jähriger Schüler neun Menschen tötete, ist ein typisches Beispiel. Lange war die Situation unklar und man ging von einem Terror­anschlag aus. Das Personal in der ILS musste aufgestockt werden – Mitarbeiter, die in Bereit­schaft standen und sich deshalb in unmittelbarer Nähe zur Feuer­wache aufhalten müssen, waren innerhalb weniger Minuten zur Stelle. Man stand in engem Kontakt mit der Polizei und dem Sonder­einsatz­kommando. Im Besprechungs­raum der ILS feilte man gemeinsam mit Polizei und Behörden an Maß­nahmen, die die Krisen­situation entschärfen sollten. Auch Einsatz­kräfte aus dem Umland wurden während der Krise eingesetzt und in München stationiert. Im Sekunden­takt klingelte das Telefon, da aus vielen Stadt­teilen Münchens Not­fälle und teilweise auch falsche Infor­mationen gemeldet wurden.


Wie sich eine Krise entwickelt, lässt sich zu Beginn nie genau sagen. Deshalb muss die ILS für größere Einsätze gerüstet sein. Um die Mitarbeiter für den Ernst­fall zu wappnen, finden in regelmäßigen Abständen Ereignis­übungen statt. Außerdem gibt es Check­listen, wie etwa für den Fall eines Bomben­funds, anhand derer die Kollegen Schritt für Schritt standardisierte Maß­nahmen ergreifen, um die Krise besser bewältigen können. „Egal, ob während der Übung oder im Ernst­fall: Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren“, so Hellmeier.


„Man sollte sich nicht zu lange in Details verlieren, sondern das große Ganze im Blick haben und sich stets die Frage im Kopf beantworten können: Welchen Plan verfolgen wir?“

Brandrat Florian Hellmeier

Eine der wesentlichen Heraus­forderungen im Umgang mit Groß­ereignissen ist eine gute Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Nicht nur die ILS, auch die Presse­stelle der Brand­direktion München ist 24 Stunden besetzt, um im Ernst­fall umgehend reagieren zu können. Die Mitarbeiter stehen in Kontakt zur Einsatz­leitung und sind häufig selbst vor Ort. In Zeiten, in denen jeder ungeprüft Informationen über soziale Netzwerke verbreiten kann, ist es besonders wichtig, dass die Einsatz­leitung gesicherte und umfassende Auskünfte an die Öffentlichkeit weitergibt. Nur so bleiben auch die Bürger ruhig und die Situation kann von den geschulten Einsatz­kräften unter Kontrolle gebracht werden.

Isabella Kratzer und Julia Stange

Zahlen & Fakten rund um die Integrierte Leitstelle:

1997

2017

112 und
19222

circa 2 500

bis zu
rund 40

24 Stunden,
365 Tage
im Jahr