Historische Ansicht des
Molkenmarkts in Berlin

#4/18 Panorama

Armenspeisung in Berlin, 1924

Kriegs­müdig­keit, Armut und Hunger (Foto 1) ließen den Un­willen der Bevöl­kerung anwachsen. Über 400 000 Menschen nahmen im Frühjahr 1918 in Berlin an Demon­stra­tionen des Spartakus­bundes teil. Dieser Pro­test mündete 1918 in eine Revo­lu­tion – der Sozial­demo­krat Philipp Scheidemann und der Kommunist Karl Liebknecht riefen beide die Repu­blik aus. Turbu­lente Zeiten standen Berlin bevor. Nach der Grün­dung der KPD 1919 in Berlin ver­such­ten deren Mit­gli­eder im Januar im Spartakus­aufstand die Macht an sich zu reißen, was scheiterte. Rechts­gerichtete Truppen töteten am 15. Januar Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ein General­streik in Berlin legte zudem im März 1919 das gesamte Wirtschafts­leben lahm. Während die National­versammlung im Reichs­tags­gebäude am 13. Januar 1920 über das Betriebs­rätegesetz beriet, demonstrierten vor dem Gebäude linke Oppositionelle von USPD und KPD gegen den Gesetzes­vorschlag. Als die Menge das Gebäude zu stürmen drohte, tötete die Polizei mindestens zwanzig Menschen, über 100 wurden verletzt. Am 13. März 1920 versuchten konter­revolutionäre Kreise mithilfe von Freikorps­formationen die sozial­demokratische Regierung zu stürzen und eine Militär­herrschaft zu errichten. Anführer war General Walther von Lüttwitz mit Unter­stützung von Erich Ludendorff, während ostpreußische General­landschaftsdirektor Wolfgang Kapp mit seiner „Nationalen Vereinigung“ nur eine Neben­rolle spielte. Der so genannte Kapp-Putsch war nach 100 Stunden beendet.

Die „Goldenen Zwanziger“

Die in der Weimarer Ver­fassung fixierten Grund­rechte und persönlichen Frei­heiten ermöglichten den Auf­stieg der Spree­stadt zu der Kultur­metropole der 1920er-Jahre. Dank des „Groß-Berlin-Gesetzes“ vom 1. Oktober 1920 ent­wickelte sich Berlin zur größten Industrie­stadt Europas: Die Haupt­stadt wurde mit sieben weiteren Städten, nämlich Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf, 59 Landgemeinden und 27 Guts­bezirken zu einer Gemeinde ver­schmolzen. Die Stadt hatte damals rund 3,8 Millionen Ein­wohner und wurde damit hinter New York, London, Tokio und Paris zur fünftgrößten Stadt.


Zwischen 1924 und 1927 stieg im Zuge der verstärkten Bautätigkeit im Zuge der Stadt­erweiterung auch der Anteil der Ver­si­che­rungen für Grund­stücke in den Außen­bezirken, einem Gebiet, in dem das Monopol der Feuer­sozietät nicht galt. Der Anteil des Vertrags­volumens der Außen­bezirke an der Gesamt­ver­si­che­rungs­summe stieg bis 1927 auf 12,5 Pro­zent (bezogen auf die Gebäude auf 14,5 Prozent).


Doch die ersten Jahre der jungen Republik waren von wirt­schaft­lichen Problemen geprägt. Die Arbeits­losigkeit war hoch. Die Geld­ent­wertung verschärfte sich und erreichte im Herbst 1923 ihren Höhepunkt. Das Geld­vermögen von großen Teilen des Mittel­stands und der Rentner wurde ver­nich­tet. Durch neue Verein­barungen mit den Alliierten, amerikanische Hilfe durch den Dawes-Plan und eine bessere Finanz­politik ent­spannte sich die Situation ab 1924. Die Hoch-Zeit Berlins begann.


Der Architekt Walter Gropius, der Physiker Albert Einstein, der Maler George Grosz, Schrift­steller wie Bertolt Brecht und Kurt Tucholsky, die Schau­spielerin Marlene Dietrich und Regisseure wie Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang und Max Reinhardt machten Berlin zum kulturellen Zentrum Europas. Ein Treff­punkt im Berliner Westen war das Viertel um den Prager Platz, wo viele Künstler, Schau­spieler und Schrift­steller lebten. Hotspot des Nacht­lebens war das Moka Efti, das 1926 eröffnete. 1928 erlebte die „Drei­groschen­oper“ im Theater am Schiff­bauer­damm ihre Uraufführung und wurde ein Welterfolg.


Neben dem Boom des Berliner Nachtlebens mit Unter­haltungs­shows und Varieté entwickelte sich die Stadt auch bei Tage. 1921 erhielt Berlin mit einer Auto­mobil-Verkehrs- und Übungs­strecke die welt­weit erste Auto­bahn, 1923 ging der Flug­hafen Tempelhof in Betrieb und 1926 zur dritten Funk­ausstellung wurde der Funkturm für den Publikums­verkehr geöffnet. Die „Grüne Woche“ zog in ihrem ersten Jahr 1926 schon 50 000 Besucher an. Die ab 1924 nach und nach elektrifizierten Berliner Stadt-, Ring- und Vor­ort­bahnen wurden 1930 unter dem Namen S-Bahn zusammen­gefasst. Die über vier Millionen Berliner benötigten diese Infra­struktur.

Weltwirtschaftskrise

Die kurze Zeit des Auf­schwungs endete mit der Welt­wirtschafts­krise. Die Inflation erreichte ihren Höhe­punkt. Im September 1923 kostete ein Kilo Roggen­brot 3,6 Millionen Mark, eine Straßen­bahn­fahrt am 22. November 150 000 Mark. Die aus dem Versailler Vertrag resultierenden Reparations­zahlungen von 132 Milliarden Mark belasteten das Deutsche Reich schwer und lieferten der extremen Rechten eine willkommene Begründung zur Bekämpfung der Republik. Die Welt­wirtschafts­krise führte in Berlin zu 664 Konkursen und 450 000 Arbeits­losen. Bis 1932 halbierte sich die industrielle Produktion der Stadt und die Arbeits­losigkeit stieg auf 30,8 Prozent. Berlins Straßen wurden zunehmend Schauplatz gewalttätiger Ausei­nander­setzungen zwischen links- und rechts­extremistischen Gruppierungen mit zahlreichen Toten und Verletzten.


Die Berliner Feuer­sozietät schien unbeschadet aus der Welt­wirtschafts­krise hervor­zugehen. 1930 überschritt sie mit mehr als 34 000 versicherten Gebäuden die Schwelle der Versicherungs­summe von 10 Milliarden Reichs­mark. Und 1932 bezog die Feuer­sozietät erstmals einen eigenen Standort: Molkenmarkt 4.

Aufstieg der NSDAP

Dolchstoßlegende, Kriegs­schuld­frage, Welt­wirtschafts­krise, Armut, Hunger und Perspektiv­losigkeit machten die Menschen empfänglich für die Propa­ganda der NSDAP. Die sich zum Ende der 1920er-Jahre häufenden Saal- und Straßen­schlachten zwischen der national­sozial­istischen Sturm­abteilung und dem kommunistischen Roten Front­kämpfer­bund gipfelten im Berliner „Blutmai“ von 1929 mit 30 Toten, 200 Verletzten und 1 200 Inhaft­ierungen. Die Wahlen zur Stadt­verordneten­versammlung am 17. November 1929 brachten der NSDAP 5,8 Prozent der Stimmen und damit 13 Mandate im Stadt­parlament ein. 1932 gewann die NSDAP die Reichs­tags­wahlen sowohl im Juli als auch im Nov­ember – woraufhin Hitler die von ihm beanspruchte Reichs­kanzler­schaft am 30. Januar 1933 vom Reichs­präsidenten Hindenburg übertragen bekam.


Hier endet unsere historische Serie. Wenn Sie mehr lesen wollen, schauen Sie in die Chronik der Feuer­sozietät, entweder in das gedruckte Exemplar, das alle Berliner Mit­ar­beiter­innen und Mit­ar­beiter erhalten haben und das Sie idealer­weise mit der kosten­losen Feuer­sozietät App300 und Ihrem Smart­phone nutzen, oder online.


Birgit Kattau